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Die Stiftsbibliothek von St. Stephan

In den verschiedenen Bibliotheken und Archiven findet man heute Handschriften, welche ursprünglich Teil der Stiftsbibliothek von St. Stephan waren. Wir danken Dr. Christoph Winterer und Britta Hedtke M.A. für die Liste der St. Stephan-Bibliothek. Das Verzeichnis entstand im Rahmen des vom Forschungsschwerpunkt Historische Kulturwissenschaften und der Forschungsförderung der Johannes Gutenberg-Universität Mainz geförderten Vorprojekts „Erforschung und virtuellen Rekonstruktion des mittelalterlichen Bücherbesitzes der Mainzer Stifte und älteren Klöster“.

Es wäre wünschenswert, wenn die bislang nur als Liste vorhandene Bibliothek der Allgemeinheit in digitaler Version zum Lesen zur Verfügung gestellt werden könnte.

0..1.Lokalisierung der Stiftsbibliothek

Die Bibliotheksgeschichte des Mainzer St. Stephanstifts liegt weitgehend im Dunkeln. Weder kennen wir ihre genaue Lokalisation innerhalb des Stiftskomplexes noch hat sich ein mittelalterlicher bzw. neuzeitlicher Bibliothekskatalog erhalten. Allein ein im 17. Jahrhundert vom Stiftsdekan Sebastian Loth verfasstes Register, das die Archivalien des Stiftsarchivs auflistet, könnte auch einen Teil des Bücherbesitzes von St. Stephan erwähnen. [Anm. 1] Die ebenfalls von Loths Hand stammenden Besitzeinträge Ad Archivium S. Stephani in den Vorderdeckeln zweier Inkunabeln [Anm. 2] belegen, dass sich im 17. Jahrhundert im Archiv nicht nur Archivalien sondern auch theologische Schriften befanden, folglich im Stiftsarchiv wohl auch die Bibliothek untergebracht war.

Das Stiftsarchiv befand sich im Obergeschoss des Sakristeianbaus, der sich an die Ostseite des südlichen Querhauses anlehnte. Der Archivraum war über eine an der Südostecke des Querhauses, innerhalb der Bartholomäuskapelle liegenden Wendeltreppe zugänglich.[Anm. 3] Klein beschrieb 1866 die Lage folgendermaßen: „In der Kapelle führen 18 Treppen auf die nun verschwundene Orgelbühne (12 hölzerne weiter auf den Speicher). Von dieser Bühne kommt man nördlich (auf 13 ziemlich beschwerlichen Treppen) in die ehemalige Schatzkammer) oder die Emporbühne des Chors, von der schon oben die Rede war. Südlich von der Orgelbühne ist das ehemalige Archiv, 15 Schritte lang und breit, mit einem großen rundbogigen Fenster (wie das in der alten Sakristei); ein anderes nebenan wurde zugemauert als das Portal gesetzt wurde.“ [Anm. 4]

Die liturgischen Handschriften wurden wohl, wenn nicht an den Altären selbst, in der Sakristei verwahrt. Auskunft darüber könnten zwei im Darmstädter Staatsarchiv befindliche Inventare geben [Anm. 5], bei denen es sich bei dem einen um ein 1699 begonnenes und bis 1786 weitergeführtes Verzeichnis der Sakristeibestände [Anm. 6] handelt und bei dem anderen um ein 1707 verfasstes Inventar, welches diejenigen Wertgegenstände auflistet, die 1689 wegen der Revolutionskriege nach Regensburg geflüchtet wurden. [Anm. 7]

Aus dem Testament des 1502 verstorbenen Scholasters Peter Groß geht hervor, dass er dem Stephansstift vier Teile einer Bibel mit Interlinearglossen und vier Postillenbände des Nikolaus von Lyra vermachte. Von all diesen Büchern hat sich jedoch jede Spur verloren. [Anm. 8]

Ein außerordentliches wertvolles Stück sah der Antwerpener Jesuit Daniel Papebroch auf seiner Forschungsreise im Jahr 1660 im Mainzer St. Stephansstift. So beschreibt er die Handschrift eines vollständigen Evangeliars, das mit Goldbuchstaben auf purpurnen Grund geschrieben [Anm. 9] war. Dass es sich hierbei, wie Kindermann vermutet, um eine im Mainzer Domschatzinventar von 1418 erwähnte Handschrift handelt, ist eher unwahrscheinlich. [Anm. 10]

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0..2.Der Handschriftenbestand bis 1540

Im Folgenden werden alle wohl ehemals zum Bücherbesitz von St. Stephan gehörenden Handschriften mit ihrem heutigen Standorten aufgelistet:

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Liturgische Handschriften

Capitulare evangeliorum, Fulda, Mainz; ca. 975, Stempel SS auf Vorderdeckel, Besitzeintrag fol. 155r. (Mainz, Wissenschaftliche Stadtbibliothek, Hs II 2)

Festtagsevangelistar; wohl um 1000 in Mainz und Lorsch oder in Worms geschrieben. Das Fest des hl. Stephanus wird mit einer ungewöhnlich langen Formulierung eingeleitet. (Mainz, Bischöfliches Dom- und Diözesanmuseum, Inv. Nr. B 00258, alte Signatur: Hs 973; bekannt als Cod. Kautzsch 2) (Weitere Informationen online)

Mainzer Benediktionale; wohl um 1020. Der hl. Stephan wird auf fol. 43v hervorgehoben! Zwischen 1734 u. 1753 von der Abtei Ste-Geneviève angekauft. (Paris, Bibliothèque Sainte-Geneviève, Ms. 2657)

Niedersächsisches Evangeliar des Mainzer Domschatzes. Niedersachsen ca. 1015 bzw. nach 990 [Anm. 11] (Mainz, Bischöfliches Dom- und Diözesanmuseum, Inv. Nr. B 00324, alte Signatur: Ms. 974; bekannt als Cod. Kautzsch 1). Vielleicht für den Dom St. Martin oder St. Stephan in Mainz hergestellt. Moderne Bleistifteinträge fol. 1r: "Mainz / Dom" "974", Rundstempel "Verwaltung der bischöfl. (Do)tation Mainz" (Weitere Informationen online).

Officium et miracula Sancti Willigisi; zwischen 1100 – 1200 in Mainz geschrieben. (Moskau, Russische Staatsbibliothek, Fonds 183, Nr. 368)

Psalter mit dem Kommentar des Petrus Lombardus; zwischen 1200 – 1225 in Frankreich geschrieben. Die Hs. gelangte als Geschenk des Dekans Theobaldus (1232‑1240) in die Eberbacher Klosterbibliothek. (Oxford, Bodleian Library, MS. Laud lat. 32)

Reichenauer Lektionar des Mainzer Domschatzes; um 980 auf der Reichenau geschrieben. Nach Ausweis der Neumen beim Stephanusfest (fol. 5v‑6v) und einer Darstellung der Steinigung des hl. Stephanus auf dem gotischen Buchdeckel befand sich die Handschrift zumindest in späterer Zeit in St. Stephan. (Mainz, Bischöfliches Dom- und Diözesanmuseum, Inv. Nr. B 00259, alte Signatur: Hs 972; bekannt als Cod. Kautzsch)

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Bibelhandschriften

Niedersächsisches Evangeliar des Mainzer Domschatzes; E.10. /A. 11. Jh. in Niedersachsen geschrieben. Provenienz unsicher! Vielleicht für den Dom St. Martin oder St. Stephan geschrieben.  (Mainz, Bischöfliches Dom‑ und Diözesanmuseum, Inv. Nr. B 00324 (alte Signatur: Ms. 974; bekannt als Cod. Kautzsch 1))

Evangeliar; um 975 in Fulda oder Mainz geschrieben; Besitzeintrag auf fol. 155r: 1471 legatis. Liber iste spectat ad ecclesiam Scti. Stephi. Moguntinensis. (Mainz, Wissenschaftliche Stadtbibliothek, Hs II 2 )

Vetus Testamentum; um 1435 in Mainz geschrieben; später im Besitz der Mainzer Augustinereremiten. (Mainz, Wissenschaftliche Stadtbibliothek, Hs II 61)

Biblia sacra; um 1200; Provenienz unsicher! Die Handschrift war vielleicht im Besitz des Stephansstifts. (Pommersfelden, Gräflich Schönborn'sche Schloßbibliothek, Cod. 62 (alte Signatur: 2636))

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Theologische Handschriften

Sammelhandschrift. In Lorsch oder im Rheinland ca. 820-840 geschrieben. Die Handschrift gelangte in die Sammlung Bodmanns. (Darmstadt, Universitäts- und Landesbibliothek, Hs 3709).

Augustinus: De trinitate; Mainz; ca. 1000, Bl. 1-23, in Mainz geschrieben. (Mainz, Wissenschaftliche Stadtbibliothek, Hs II 18, Leihgabe im Gutenbergmuseum)

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Archivalische Handschriften

Statutenbuch des Stifts St. Stephan. Mainz 1430-1557. (Darmstadt, Hessisches Staatsarchiv, C 1 B Nr. 47)

Statuta provincialia Maguntina. 1310 (Ostfranken) Mainz, St. Stephan? [Anm. 12] (Würzburg, Universitätsbibliothek, M. p. th. f. 24)

Kopialbuch. 1200-1300. (Paris, Bibliothèque nationale de France, Lat. 17794)

Liber vitae fraternitatis sancti Stephani. Mainz 1315-1320 (fortgesetzt bis 1790). Aus dem Besitz der Bruderschaft St. Stephan in Mainz; wahrscheinlich im Archiv des zugehörigen Kollegiatsstifts aufbewahrt. Nach dessen Aufhebung (9. Juni 1803) in das Stadtarchiv gelangt. (Weitere Informationen online) (Mainz, Stadtarchiv, Best. 13/370)

Kopialbuch von St. Stephan in Mainz (Fragment). Mainz 1398-1405. (Mainz, Stadtarchiv, Best. 13/369)

Sammlung von Urkundenabschriften des Stifts St. Stephan in Mainz über die vom Kloster St. Alban bei Mainz erworbenen Güter, Rechte und Einkünfte zu Sarmsheim und Münster bei Bingen aus der Zeit von 1266 bis 1386. Mainz ca. 1480, Nachträge bis 1751. (Darmstadt, Hessisches Staatsarchiv, C 1 A Nr. 117)

Verzeichnis der Zinsgefälle des St. Stephan-Stifts. Mainz; 1481-1498. (Darmstadt, Hessisches Staatsarchiv, C 2 Nr. 516/3)

Legate, Testamente etc. an St. Stephan in Mainz. Mainz 1540-1793 (Darmstadt, Hessisches Staatsarchiv, E 5 B Nr. 2174).

Verzeichnis der in das Stift St. Stephan in Mainz eingetretenen und ausgeschiedenen Prälaten und sonstigen Stiftspersonen für die Zeit ab 1088 bis 1689. Mainz 1690-1709. Angelegt durch den Stiftsarchivar. (Darmstadt, Hessisches Staatsarchiv, C 1 D Nr. 6)

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Historische Handschriften

Historische Sammelhandschrift, 1090-1110. Besitzeintrag auf fol. 1r: Pertinet ecclesie S. Stephani in Moguntina. (Paris, Bibliothèque nationale de France, Lat. 4860)

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Inkunabeln und frühe Drucke bis ca. 1540

Auszug aus zwei Druckschriften. Mainz 1508. (Darmstadt, Hessisches Staatsarchiv, E 5 B Nr. 2136)

Bibel, 42-zeilig, auf Papier, zwei Bände (Gutenberg-Bibel), rubriziert von Heinrich Albch alius Cremer, Vikar an St. Stephan, vollendet am 24. August 1456 und am 15. August 1456. Die Bestimmung der Inkunabel unklar: Eintrag einer Pfarrstiftung in Ostheim (Kreis Aschaffenburg) 1467; 1789 im Mainzer Priesterseminar. (Paris, Bibliothèque nationale de France)

Catalogus sanctorum et gestorum eorum ex diversis voluminibus collectus: Editus a Reuerendissimo in christo patre dno Petro de Natalibus des Venetijs dei gratia epo Equilino. Straßburg 1513. (Mainz, Gutenberg-Museum, Ink 2271)

Duranti, Guillelmus: Speculum judiciale. Nürnberg 1486. (Mainz, Gutenberg-Museum, Ink 2649)

Justinianus: Institutiones. Mainz 1476. Mainz, St. Stephan? Stammt aus dem Besitz des Gottschalk Eschenbrocker aus Fulda, Stiftsherr von St. Stephan. (Mainz, Gutenberg-Museum, Ink a 180 a)

Petrus Lombardus: Sententiarum libri IV. Straßburg 1468-1477. (Mainz, Gutenberg-Museum, Ink 1541

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Literatur:

  • Coester, Baugeschichte
    Ernst Coester: Die Baugeschichte und künstlerische Stellung der St. Stephanskirche. In: 1000 Jahre St. Stephan Mainz. Festschrift. Hg. v. Helmut Hinkel. Mainz 1990 (= Quellen und Abhandlungen zur mittelrheinischen Kirchengeschichte 63), S. 407-454.
  • Gerlich, Bernhard Groß
    Gerlich, Alois: Dr. decret. Bernhard Groß. Ein Mainzer Stiftsherr des Spätmittelalters. In: Jahrbuch für das Bistum Mainz 6 (1954).
  • Gönna, Mainzer Domschatz
    Gönna, Sigrid von der: Ein goldenes Evangelienbuch aus dem alten Mainzer Domschatz: zur Geschichte des "Mainzer Evangeliars" (Hofbibliothek Aschaffenburg, Ms. 13) ca. 1260-1803. In: Archiv für mittelrheinische Kirchengeschichte. 50,1998,131-153.
  • Hoffmann, Buchkunst
    Hartmut Hoffmann: Buchkunst und Königtum im ottonischen und frühsalischen Reich (Schriften der Monumenta Germaniae Historica 30, III), 2 Bde., Stuttgart 1986.
  • Kindermann, Kunstdenkmäler
    Udo Kindermann: Kunstdenkmäler zwischen Antwerpen und Trient. Beschreibungen und Bewertungen des Jesuiten Daniel Papebroch aus dem Jahre 1660. Erstedition, Übersetzung und Kommentar. Köln/Weimar/Wien 2002.
  • Klein, Kirche St. Stephan in Mainz
    Karl Klein: Die Kirche St. Stephan in Mainz. Mainz 1866.
  • Krämer, Handschriftenerbe
    Sigrid Krämer: Handschriftenerbe des deutschen Mittelalters (Mittelalterliche Bibliothekskataloge Deutschlands und der Schweiz. Ergänzungsband 1), 3 Teile, Teil 3 unter Beteiligung von Michael Bernhard, München 1989-1990.

Verfasser: Britta Hedtke M.A.

Redaktionelle Bearbeitung: Dr. Elmar Rettinger

Erstellt: 8.10.2012

Zuletzt geändert: 9.10.2012

Anmerkungen:

  1. Darmstadt, Hessisches Staatsarchiv, E 5 B, Nr. 1670 (Repertorium des Archivs des Clerus secundarius, verfasst von Sebastian Loth, Dekan an St. Stephan. 1705). Da sich bisher noch keine Möglichkeit ergeben hat, in die Darmstädter Archivalien einzusehen, können hier lediglich die knappen Informationen des Findbuchs zitiert werden. Vgl. Hessisches Archiv-Dokumentations-und Informations-Zentrum (HADIS).  Zurück
  2. Mainz, Gutenberg-Museum, Ink 1541; Mainz, Gutenberg-Museum, Ink 2271.  Zurück
  3. Coester, Baugeschichte, S. 433ff.  Zurück
  4. Klein, St. Stephan, S. 29.  Zurück
  5. Diese Archivalien konnten bisher noch nicht eingesehen werden! Vgl. Anm. 1.  Zurück
  6. Darmstadt, Hessisches Staatsarchiv, E 5 B, Nr. 2128.  Zurück
  7. Darmstadt, Hessisches Staatsarchiv, E 5 B Nr. 2125.  Zurück
  8. Gerlich, Bernhard Groß, S. 244f.  Zurück
  9. Kindermann, Kunstdenkmäler, S. 82.  Zurück
  10. Ebd. S. 82, Anm. 2. Dieses Inventar ist Teil der Hs. 92 der Mainzer Martinusbibliothek. Das dort erwähnte Evangeliar wird heute meist mit dem heute in Aschaffenburg aufbewahrten sogenannten „Mainzer Evangliar“ identifiziert. Vgl. Gönna, Mainzer Domschatz, S. 369, Anm. 196.  Zurück
  11. Hofmann, Buchkunst Zurück
  12. Krämer, Handschriftenerbe Zurück